GRÜNE besuchen Cradle to Cradle Vorzeigeprojekt

Ein Besuch im Stadskantoor Venlo

Grüne-Mitglieder aus dem Ennepe-Ruhr –Kreis machten sich mit dem Zug auf den Weg nach Venlo, um dort ein noch relativ junges Verwaltungsgebäude der Stadt in Augenschein zu nehmen. Die meisten hatten sich im Vorfeld schon informiert und glaubten zu wissen, was sie dort erwarten würde. Dieser imposante Bau mit Fassadenbegrünung, den man schon direkt vom Venloer Bahnhof aus sieht, ist nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft „Cradle to Cradle“  entstanden.

Wir waren neugierig, was wohl  hinter diesem Vorhaben stecken würde, bzw., wie man Nachhaltigkeit, Mehrwert und Energieeinsparungen verfolgt und umgesetzt hat.

Die Hauptthemen dieses nachhaltigen Wirtschaftskonzeptes liegen, wie wir bei einer Tasse fairen Kaffee gleich zu Anfang erfahren durften, in den Bereichen:  

  • – Mensch und gesundes Arbeitsklima,
  • – den Planeten erhalten und schützen,
  • – den Profit einer Stadt mit ökologisch nachhaltigen Mitteln und Methoden mehren. 

Wir hatten die Gelegenheit die vorhandenen 9 luftigen Etagen zu begehen. Eigentlich mehr als das, wir haben sie erfahren. Offene breite Holztreppen (im Konzept Kommunikationstreppen genannt) ermöglichen das Erreichen der nächsten Ebene und lassen den Blick auf die anderen Etagen zu. Bewegung ist erwünscht und automatisch findet Begegnung statt. Natürlich gibt es auch Aufzüge, aber die sind eher für die gedacht, die sie auch wirklich brauchen. 

Die Möbel, die Teppiche, die Fassaden, die Lichtleisten, der Beton einfach ALLES besteht aus Materialen, die nachhaltig produziert und nach ihrem Ablauf wiederverwertet werden, wodurch   Mehrwert geschaffen wird. Insgesamt vierzig Jahre lang wird das Gebäude abgeschrieben. Die Finanzierung ist ausgeklügelt (Das Stadtsäckel wird zunächst mit hohen Investitionskosten belastet, dann aber sinken die Ausgaben) und durch die Senkung der Energiekosten und die Verringerung der Büroflächen sehr effizient gestaltet. Durch die offene, flexible Arbeitsplatzgestaltung wurden 6000 Quadratmeter Raumfläche eingespart (Reduzierung 1,5 Millionen der Baukosten).

Das Gebäude wird mit sauberer Energie versorgt. Das Regenwasser wird aufgefangen, um damit das Gewächshaus und die Pflanzen der Terrassen und Teile der Außen-Begrünung zu versorgen. Verbrauchtes Wasser wird mit einem ausgeklügelten System innerhalb eines Kreislaufes wieder aufbereitet.

Die Energiequelle Sonne wird mit unzähligen Solarzellen genutzt, um die Räume gleichmäßig zu temperieren, sofern sich darin Personen aufhalten und Strom zu erzeugen. Ein Sonnenschornstein, der sich mittig als riesiger Schacht zwischen den Etagen befindet, sorgt für die natürliche Luftzirkulation, und leitet die Energie für das künstliche Licht weiter.

Verbrauchte Luft wird automatisch ausgetauscht. Auf allen Ebenen sorgen Sensoren für Wärme, Frischluft und Licht. Insgesamt ist das Gebäude für die Innenstadt von Venlo so etwas wie eine grüne atmende Lunge. In einer solchen Atmosphäre lässt sich gut arbeiten. Sämtliche Tische und Bänke aus Holz sind mit Leinsaatöl (aus der Region) behandelt. Für Allergiker ist die Inneneinrichtung ein Paradies, da keine Schimmelpilze durch überflüssige giftige Teppiche oder Vorhänge vorhanden sind. Der Feinabrieb von Schuhsohlen (Mikro-Plastik), der sich auf den Fußböden und den klimafreundlichen Läufern befindet, wird mit einem Spezial-Feinstaub-Sauger eingesammelt und einem  Abfall-Management-System zugeführt.

Vergeblich sucht man nach fest installierten Büros, verschlossenen Türen und Schreibtisch-Schlössern oder Aktenschränken. Das Stadskantor Venlo wird papierlos geführt, hier hat die elektronische Akte gesiegt.

Überall im Gebäude befinden sich verschiedene Arbeitsplätze, selbstverständlich ergonomisch ausgerichtet und nach umweltverträglichen Kriterien zertifiziert. 

Die Mitarbeiter(innen)  können sich zwischen verschiedenen Arbeitsplätzen niederlassen, oder eine geschützte Nische suchen. Das Motto: Komfortabel und gesund sitzen in recyclebaren Möbeln. 

Es werden auch sogenannte Cockpits vorgehalten, um ungestört allein arbeiten zu können. Abgetrennte kleinere Räume (mit Glastüren und Sichtschutz versehen) für Meetings oder Gespräche mit mehreren Personen sind in abwechslungsreichen Formationen vorhanden, ebenso bequeme Sofas, Sessel und verschiedene Bürostuhlmodelle, die für den jeweiligen Anlass ausgewählt werden können. Die angenehmen Farben peppen auf und bieten Kontrapunkte zu dem ansonsten eher dezenten Holz-, Glas- und Beton-Ambiente. Und seltsamerweise hat man nicht das merkwürdige Gefühl, sich in einem Großraumbüro zu befinden, obwohl man das ja irgendwie ist.

Die digitale Verbindung ist überall gegeben. Die Mitarbeiter(innen)  sind gut zu erreichen, das Festnetz hat sozusagen ausgedient. Das führt dazu, dass viele Personen auch von zu Hause aus (home-office) arbeiten. Bei schönem Wetter können sie sich auch mit ihrem Laptop an das Ufer der Maas setzen, denn soweit reicht das digitale Netz. Die Arbeitsplätze sind also flexibel und gehören allen. Niemand hat einen festen Arbeitsplatz, außer der Bürgermeister und seine Beigeordneten, aber auch deren Türen sind nicht abgeschlossen, begeh- und benutzbar. Der Arbeitsplatz wird stets sauber verlassen, aufgeräumt und wird nur stundenweise genutzt. Das führt zu viel Bewegung im gesamten Stadskatoor, was ausdrücklich erwünscht ist: viel Kommunikation und Interaktion untereinander. Was für eine Revolution: keine angestammten Plätze mit persönlichem Schnick-Schnack. Es gibt keine Garderoben, lediglich Schrankfächer, die man lediglich tageweise mieten kann. Für die Menschen aus der nahen Umgebung (7,5 km) sind keine Abstellplätze für Fahrräder oder Autos vorgesehen. Kommt man aus der Ferne, kann man sogenannte Stellplätze mieten oder sie mit Urlaubstagen bezahlen, hier können sogar die Akkus für Elektro-Autos und E-Bikes aufgeladen werden.

Somit werden Anreize geschaffen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Arbeitsplatz zu kommen. Wer dennoch eine längere Strecke anradelt, kann im Souterrain Waschräume und Duschen benutzen. Natürlich verfügt das Verwaltungsgebäude über ein Restaurant, was aber nur für die Bediensteten (also keine Konkurrenz mit Restaurants am Ort!) vorgesehen ist. Auf jeder Etage stehen Kaffee-,Tee- und Wasserautomaten zur Verfügung. Diese Getränketheken laden mit ihren langen Tischen und Bänken zum Austausch und Verweilen ein. An den Arbeitsplätzen darf nämlich nichts verzehrt werden, um die Tastaturen zu schützen. Es gibt keine elektronische Zeiterfassung. Die Mitarbeiter(innen) sind für ihre Arbeitszeit selbst verantwortlich (die nächste Überraschung). Sie haben eine Jahresarbeitszeit und checken vierteljährlich mit ihrem Vorgesetzten ab, ob auch alles gut läuft und die gesteckten Qualitätsziele erreicht werden. Die Kernarbeitszeiten gelten für den Publikumsverkehr, aber wohl nicht im strengen Sinne für die Mitarbeiter(innen), die können mehr oder weniger flexibel zwischen 7.00 und 23.00 Uhr arbeiten, außer am Wochenende.

Dieses Konzept des „Moving-Office“ wirkt einladend und geradezu beflügelnd. Man bekommt das

Gefühl, dass sich die Mitarbeiter(innen) hier nicht hinter alten Akten, verstaubten Kakteen und müden Kaffeemaschinen verstecken. Sie können sich wirklich auf ihr Kerngeschäft mit den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Venlo konzentrieren, also Dienstleister(innen) sein ohne für die Tonne (dies ist durchaus doppeldeutig gemeint) zu arbeiten. Alles wird dem Kreislauf wieder zugeführt, der Mehrwert wird gesteigert und die Menschen sind in Eigenverantwortung und Selbstmanagement bei der Sache.

Nach fast drei Stunden spannender Unterhaltung und Einführung durch den Stadtplaner und Projektleiter Michel Weijers von Venlo in „Bouwen op Basis van Cradle to Cradle“  möchte man  gerne ausprobieren, wie es sich in der Wirklichkeit anfühlt, wenn man unter solchen Arbeitsbedingungen antritt.

Fazit:

So können die Arbeitsplätze einer Stadtverwaltung in Zukunft  aussehen:

  • – Konsequent mit sauberer Energie, ohne belastende Stoffe für die Umwelt, in ein klimabewusstes Stoffstrom-Management einsteigen,
  • – Anreize schaffen, um die Verkehrsdichte in den Innenstädten zu reduzieren  und klimafreundliche Transportmöglichkeiten bereitstellen,
  • – vorhandene öffentliche Flächen effektiv  nutzen (Parkraumreduzierung), 
  • – eine transparente Arbeitsumgebung innerhalb einer Kreislaufwirtschaft schaffen, die Humanität und Effizienz für die Menschen einer Stadt miteinander verbindet.

So kann es gehen! Venlo und ihr Stadskantoor sind mehr als eine Besichtigung wert!

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