Die Schwelmer Grünen möchten Euch eine besondere Rede zugänglich machen, die von Pfarrer i.R. Rainer Schumacher im Rahmen der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag gehalten wurde. Sie hat viele der Anwesenden tief berührt – durch ihre klare Sprache, ihre historische Einordnung und die eindringliche Mahnung, Verantwortung aus der Vergangenheit für unser gemeinsames Heute und Morgen abzuleiten.
Weil nicht alle die Möglichkeit hatten, an der Veranstaltung teilzunehmen, möchten wir diese Worte hier veröffentlichen. Sie sollen jedem zugänglich sein, der sich mit dem Gedenken, dem Innehalten und dem Auftrag, den uns dieser Tag mitgibt, auseinandersetzen möchte.
Wir laden Euch herzlich ein, die Rede in Ruhe zu lesen – als Zeichen der Erinnerung, des Mitgefühls und als Beitrag zu einer friedlichen und menschlichen Zukunft.
Rede von Rainer Schumacher vom 16. November 2025 in Schwelm:
Sehr geehrte Damen und Herren,
heute am Volkstrauertag 2025 gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Wir erinnern an die Grauen zweier Weltkriege und insbesondere an den vernichtenden Terror, den das Regime der Nationalsozialisten über Deutschland, Europa und die Welt brachte.
Wir erinnern in einem Jahr, an dem sich das Ende des 2. Weltkriegs zum 80. Mal jährt. Also in einer Zeit, in der wir auf eine Epoche zurückschauen, in der mittlerweile 4 Generationen das friedliche Miteinander ehemals verfeindeter Länder begehen. Wir sind dankbar, dass Deutsche und Franzosen hier in Schwelm nun schon seit vielen Jahren den Volkstrauertag gemeinsam begehen. Wer sich auch nur einmal mit der Geschichte im Europa des 20. Jahrhunderts etwas tiefer befassen konnte, den wird das mit Freude und Dankbarkeit erfüllen. Selbstverständlich ist das nicht. Weder im Blick nach außen – noch im Blick nach innen.
Denn das, was wir erreicht haben, kann auch gefährdet sein – sowohl im Blick nach außen als auch im Blick nach innen.
Wenn wir unseren Blick nach außen auch nur einen Kilometer über die Grenzen der Europäischen Union hinaus richten, dann sehen wir ihn: den tödlichen und aggressiven Terror, den der Krieg Putins seit 3 ½ Jahren Tag für Tag und Nacht für Nacht über Kinder, Frauen und Männer in der Ukraine ausschüttet. Und wenn wir unseren Blick etwas weiter weg in den Nahen Osten richten, dann erahnen wir zumindest das toxische Pulverfass, das irgendwann zum Explodieren kommt, wenn Jahrzehnte lang Hass zwischen religiösen und ethnischen Gruppen von Hardlinern auf allen Seiten geschürt wird. Das Ergebnis: Man könnte aktuelle Fotos der Ruinen im Gazastreifen mit Fotos vom zerstörten Berlin 1945 durchaus verwechseln.
Ich kann das so gut verstehen, wenn Ihr Schülerinnen und Schüler des Märkischen Gymnasiums sagt: „Krieg ist eine Sackgasse!“
Doch die Entscheidung für diese Sackgasse beginnt nicht erst mit dem ersten Schuss.
Wenn es um die Frage von Krieg oder Frieden, von Willkür oder Fürsorge, Demokratie oder Gewaltherrschaft geht, finde ich zunächst den Blick nach innen wichtig. Mir sind kein Krieg und keine Terrorherrschaft bekannt, die durch Zufall oder von jetzt auf gleich entstanden wären. Kriege und Gewaltherrschaften haben immer eine Vorgeschichte. Sie bereiten sich langsam vor. Mit Innen meine ich also die Situationen, die sich innerhalb von Staaten und Gesellschaften entwickeln und die dann im Laufe der Zeit auch das Außen – also die Welt um diesen Staat und um diese Gesellschaft herum ins Unheil stürzen können. So, wie es im Deutschland der 30er Jahre war.
Nur einige kurze geschichtliche Daten machen das deutlich: Bei den Reichstagswahlen am 6. November 1932 bekam die NSDAP 33,1 % der Stimmen. Sie war damit mit einem Abstand von knapp 13 % zur SPD die stärkste Partei geworden. Am 30. Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Nur 2 Tage später wird der Reichstag aufgelöst. Wiederum nur 4 Tag später werden die Grundrechte wie Presse- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt. 29 Tage später brennt das Reichstagsgebäude – ein Vorwand, um die Opposition zu verfolgen. Am Tag nach dem Brand werden grundlegende Bürgerrechte außer Kraft gesetzt und politische Gegner verhaftet. Im Laufe des April und des Maies beginnt der Boykott jüdischer Geschäfte, jüdische und politisch unerwünschte Personen werden aus dem Staatsdienst entfernt. Die Gewerkschaften werden verboten. Und schließlich lösen sich im Sommer 1933 die anderen politischen Parteien von selbst auf oder werden verboten. Nach nur 6 Monaten stand der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten nichts mehr im Wege. Auch nicht ihrem Vernichtungskrieg, der vor 80 Jahren endete.
Gab es nichts und niemanden, die versucht hätten, diese Entwicklung aufzuhalten?
Doch, die gab es. Und ihnen gilt heute auch unser Erinnern. Wir blicken im Jahre 2025 nicht nur auf 80 Jahre Kriegsende zurück. In diesem Jahr blicken wir auch auf den 80. Todestag von Dietrich Bonhoeffer zurück. Er gehörte zu denen, die sich dem politischen Widerstand anschlossen und das mit ihrem Leben bezahlten. Er wurde nur wenige Tage vor Kriegsende am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg ermordet.
Dietrich Bonhoeffer war ein ev. Theologe, Pastor und bereitete junge Theologen auf ihr Pfarramt vor. Er hatte ein waches Auge für die rasante Entwicklung im politischen Deutschland der 30er Jahre. Er war Mitbegründer der sog. „Bekennenden Kirche“, die sich gegen die Gleichschaltung der Ev. Kirche mit dem Nationalsozialismus wandte. Doch seine Sorge endete – anders als bei den meisten anderen – nicht an der Kirchentüre. Es ging ihm auch um all die anderen Opfer: die Juden, die politisch Verfolgten und all die anderen.
Schon in einer Radioansprache am 1. Februar 1933 – also nur wenige Tage nach der Machtergreifung Hitlers hält er eine Rede über die Wandlung des Führerbegriffes. Er macht die Wandlung vom Führer zum Verführer und weiter zum Verbrecher deutlich. Während die Mehrheit in der ev. Kirche als sog. „Deutsche Christen“ die Nazis und ihren Terror unterstützen und sich dabei auf Luthers Lehre berufen, macht Bonhoeffer es zur Pflicht der Kirche, den Opfern des Staates zu helfen. Es kommt zu dem im Widerstand gegen die Nazis fundamentalen Satz: „Wenn die Kirche den Staat ein Zuviel oder Zuwenig an Ordnung und Recht ausüben sieht, kommt sie in die Lage, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“
Nach Bonhoeffer endet also der Auftrag der Kirche nicht bei der Predigt des Evangeliums. Für ihn hat die Kirche auch ein Wächteramt gegenüber dem Staat inne.
Ab 1940 arbeitete Dietrich Bonhoeffer aktiv im politischen Widerstand. Mit Hans Oster, einem deutschen Wehrmachtsoffizier und Hans von Dohnanyi, Jurist im Staatsdienst nutzte er seine ökumenischen Kontakte ins Ausland, war an der Planung von Hitlerattentaten beteiligt und diente als Verbindungsmann. Beide – Hans Oster wie auch Hans von Dohnanyi – wurden wie Bonhoeffer am 9. April 1945 hingerichtet.
Mich hat es sehr erschrocken zu hören, dass gerade die religiösen Rechten in den USA sich auf Dietrich Bonhoeffer berufen. In diesen Tagen kann man aus meiner Sicht erkennen, wie in den USA langsam, aber sicher versucht wird, ein faschistisches System aufzubauen. Der Umgang mit politisch unliebsamen Personen, die Einschränkung der Pressefreiheit, der Abbau wertebasierter Umgangsregeln national und international und vieles mehr deuten darauf hin. Und ich möchte gar nicht aussprechen, woran es mich erinnert, dass in amerikanischen Städten uniformierte Truppen Migranten ohne juristischen Hintergrund von der Straße wegholen, Väter ihren kleinen Kindern rauben und verhaften, um sie des Landes zu verweisen. Das nennt man wohl „Remigration“.
In mir sträubt sich alles, wenn ich höre, dass sich dort die Trump unterstützenden fundamental evangelikalen Christen auf Bonhoeffer berufen und seinen Namen für ihre Ziele missbrauchen.
Vielleicht singen sie auch das Lied, in dem Worte von Dietrich Bonhoeffer vertont wurden: „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“ Diese Worte kennen auch viele von uns. Doch ist uns auch klar, dass Bonhoeffer sie zum Jahresübergang am 19. Dezember 1944 in seiner Todeszelle schrieb?
An Menschen wie ihn erinnern wir uns heute auch: Menschen, die im Kampf gegen die Terrorherrschaft des Nationalsozialismus ihr Leben opferten.
Und wenn ich Bonhoeffer richtig interpretiere, dann würde er uns heute am Volkstrauertag zurufen: „Wenn euer Gedenken nur rückwärtsgewandt bleibt, dann ist es sinnloses Gedenken.“
Was ich von ihm lernen möchte? Ich möchte lernen wie er, mit scharfem Auge die Zeichen der Zeit wahrzunehmen, um mit dem Blick in die Vergangenheit Parallelen in der Gegenwart zu erkennen und daraus die Lehren zu ziehen: politisch und auch persönlich.
Es ist leicht, am Volkstrauertag 2025 eine Rede zu halten über Widerstandskämpfer wie Dietrich Bonhoeffer. Ungleich schwerer ist es, ihren Mut zu leben, wenn es drauf ankommt. Tun wir jetzt alles dafür, dass es nicht wieder drauf ankommt.
Dietrich Bonhoeffer erscheint uns in der Rückschau vielleicht wie ein Held. Doch tief drinnen in ihm selbst, da sah es anders aus. Darum sollen am Schluss meiner Rede seine eigenen Worte stehen. Er schrieb sie im Gefängnis 1944 und sie tragen als Überschrift die Frage: „Wer bin ich?“
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!
(aus: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung)