Am Sonntag, dem 9. November 2025 folgten viele Schwelmerinnen und Schwelmer dem Aufruf des Schwelmer Grünen Ortsverbands und gedachten mit einer Mahnwache am Immanuel-Ehrlich-Platz in Schwelm der Opfer der Reichspogromnacht, die den Beginn der systematischen Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland markierte.
OV Peter Stark begrüßte die Teilnehmer*innen und erinnerte daran, dass vor 87 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, Synagogen in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte zerstört, Menschen misshandelt, verhaftet und ermordet wurden – allein, weil sie Jüdinnen und Juden waren.
Diese Nacht war kein „Ausbruch von Wut“, sondern ein gezielter, staatlich organisierter Terrorakt des nationalsozialistischen Regimes. Sie war ein Vorbote der Shoah, in der Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden.
In seiner Gedenkrede erinnerte Marc Albano-Müller an die Familie Zajbert (in Schwelm nannten sie sich Seibert) mit dem Vater Mossek (Moritz) und den Söhnen Itzhak (Max) und Kurt, die ein Bekleidungsgeschäft in der Kirchstraße führten. 1938, noch halb in der Nacht polterten Stiefel in ihrem Treppenhaus in der Kaiserstraße, wohin die Familie umziehen musste. Man hörte Schreie und die ganze Familie Seibert wurde abgeholt, kommentarlos, innerhalb von Minuten. Man steckte sie in einen Zug und warf sie hinter der polnischen Grenze wieder hinaus, ins Niemandsland. Damals war das die sogenannte „Polenaktion“.
Das Erinnern an diese Verbrechen ist keine Vergangenheitspflicht, sondern eine Verantwortung für die Gegenwart.
Antisemitismus, Hass und Ausgrenzung dürfen *nie wieder* Platz in unserer Gesellschaft haben – nicht in Worten, nicht in Taten, nicht im Schweigen.
**Erinnern heißt handeln.**
Mit Genehmigung von Marc Albano-Müller möchten wir seine Gedenkrede zur Mahnwache veröffentlichen:
„Der 9. November 1938 hatte eine Vorgeschichte: es gab ein Attentat 2 Tage früher, dessen Umstände für uns heute nur allzu vertraut klingen: der Täter war nämlich ein junger Mann, 17 Jahre, der sich radikalisiert hatte und in Verzweiflung darüber war, dass seine zugewanderte Familie in Deutschland drangsaliert wurde, und er selber keine Arbeit und keine Lehrstelle fand. Und es war kein Syrer, kein Afghane, kein Muslim – und doch kennen wir viele der Reflexe, die auf das Attentat folgten: der 17-Jährige hatte nämlich einen deutschen Beamten erschossen, einen Nazi. Und das ließ sich die rechtsextreme Partei nicht entgehen, die es damals schon gab und die es heute auch gibt – zu beiden Zeiten sehr stark, damals aber schon einen Schritt weiter und in der Regierung. Und sie zelebrierte den Mord groß und dramatisch als Angriff auf das deutsche Volk. Kennen wir auch das? Entscheiden Sie selbst. Und anstatt den jungen Mann dem Richter zu übergeben, zu bestrafen und den Fall damit abzuschließen, machte man ihn zum Stellvertreter seiner Volkes, und hetzte, dass dieses Volk nun endgültig und vollständig aus Deutschland heraus müsse. Kennen wir? Ich meine ja.
Der Attentäter war Herschel Grynszpan und er war Jude. Der Hass auf die Juden kam damals nicht von irgendwo, sondern er hatte sich über Jahre aufgebaut. Denken Sie, aus heutiger Sicht, einmal an 2019, auch genau um diese Zeit, Anfang November, als man in Schwelm einen Schweinekopf an der Baustelle der Moschee fand, unten an der Hattinger Straße. Von da bis heute ist es ein Prozess, an dessen Ende man jetzt – mühelos – etwa dem Außenminister sagen kann, er solle doch den Mund halten, wenn er die Syrer nicht nach Syrien zurück-schicken wollte, weil das unmenschlich wäre. Oder man die Afghanen in Afghanistan lässt, obwohl ihnen unser Staat die Einreise zugesagt hatte. Da ist die Menschlichkeit irgendwo auf der Strecke geblieben.
Und genauso war es damals zwischen 1933, als die Schwelmer begannen, nicht mehr bei Max Seibert hier im ersten Haus der Kirchstraße ihre Kleidung zu kaufen, weil irgendjemand dick an sein Schaufenster das Wort Jude geschmiert hatte, und 1938, als die Nazis dann dazu aufriefen, jetzt endlich alle Juden hinauszuwerfen. Und es gab damals keinen Marcel Reif und keine Margot Friedländer, die bei einer Gedenkstunde daran erinnert hätten, dass man doch bitteschön ein Mensch zu bleiben habe. Sowas hören wir heute ja immer gerne und nicken dazu brav: ja, so müssten wir eigentlich sein.
Dieser Max Seibert mit dem Kleidungsgeschäft hier vorne hatte nämlich sehr ähnliche Erfahrungen wie der 17-jährige Herschel Grynszpan, der Attentäter. Wie dieser war auch er ein junger Mann, 25 Jahre alt, und hieß eigentlich Itzhak, denn er war noch in Polen geboren, in Lodsch, und von dort mit seinen Eltern nach Deutschland geflohen, um Krieg und Armut zu entgehen – wie das manche Menschen so tun – oder sich erdreisten zu tun. Und sein Vater, Mossek – der sich hier Moritz nannte, solange man es ihm gestattete, fand Arbeit im Schwelmer Eisenwerk, als Verzinker. Und es war eine kleine, dreiköpfige Flüchtlingsfamilie, die irgendwie zu überleben suchte, in einer winzigen Wohnung in der Loher Straße. Dann aber wagten sie den Schritt in die Selbständigkeit, begannen erst mit Lumpen und Altkleidern zu handeln, später mit importierten Stoffen. Und alle vier, denn auch ein weiterer Sohn Kurt wurde ihnen hier in Schwelm geboren, arbeiteten sich zusammen aus dem Elend heraus und brachten es schließlich voller Stolz zum eigenen Laden in bester Schwelmer Lage, Kirchstraße 1. Und nicht nur das, sie zogen auch privat um in eine neue Wohnung in der Barmer Straße, im vornehmen Schwelmer Westen.
Den Laden durfte dann Sohn Itzhak vom Vater übernehmen, und weil Itzhak doch in Schwelm aufgewachsen und hier auch zur Schule gegangen war, zum Gymnasium, nannte er sich und sein Geschäft um zu Max Seibert, Herren- und Knabenkonfektion.
Dann kam 1933, und die Kunden blieben aus, denn sie wollten nicht am Eingang fotografiert und dann denunziert werden. Und aus Moritz Seibert musste auf behördliche Anordnung wieder Mossek werden und aus Max wieder Itzhak. Denn man sollte sie als Migranten und Nicht-Deutsche erkennen. Und sie mussten auch die teure Wohnung aufgeben und in eine Absteige in der Kaiserstraße umziehen. Hier kam dann 1938, und noch halb in der Nacht polterten Stiefel im Treppenhaus, man hörte Schreie, und die ganze Familie Seibert wurde abgeholt, kommentarlos, innerhalb von Minuten. Man steckte sie in einen Zug und warf sie hinter der polnischen Grenze wieder hinaus, ins Niemandsland. Heute würde man das – ungestraft – einen Fall von Re-mi-gra-tion nennen. Damals war es die sogenannte Polenaktion, die übrigens genauso in Hannover die Familie von Herschel Grynszpan traf.
Dieser Herschel war gerade in Paris, er rastete dort aus und tötete den Nazi-Beamten. Am 7. November. Worauf hier zwei Tage später die Pogromnacht begann. Und genauso war zuvor auch Itzhak Saibert aus Schwelm nach Frankreich geflohen – noch bevor man hier seine Familie ergriff. Und er wurde dort verhaftet, 28 Jahre alt, nach Auschwitz deportiert und vergast. – Und das ist die Vorgeschichte der Schwelmer Pogromnacht.“